Pico de Orizaba
Der höchste Berg Mexikos und der dritthöchste in Nordamerika, dieser massive Stratovulkan ist ein heiliger 'Sternenberg', der von schwindenden Gletschern gekrönt wird.
Pico de Orizaba: Der Sternenberg von Mexiko
Der Pico de Orizaba, in der indigenen Nahuatl-Sprache als Citlaltépetl (Sternenberg) bekannt, ist der unbestrittene Monarch der mexikanischen Landschaft. Mit einer Höhe von unglaublichen 5.636 Metern (18.491 Fuß) ist er der höchste Berg Mexikos und der dritthöchste Gipfel Nordamerikas, übertroffen nur vom Denali in Alaska und dem Mount Logan in Kanada.
Dieser kolossale Stratovulkan ist nicht nur ein Berg; er ist eine Welt für sich. Er steht an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Veracruz und Puebla und fungiert als massive klimatische Barriere, die die feuchte, tropische Golfküste vom trockenen Hochplateau Zentralmexikos trennt. An einem klaren Tag ist sein schneebedeckter Kegel vom Golf von Mexiko aus sichtbar, 110 Kilometer entfernt, wo er jahrhundertelang als Navigationssignal für aus Europa ankommende Seeleute diente. Er ruht, ist aber keineswegs tot und schläft unter einer Decke aus Gletschereis, das in einer sich erwärmenden Welt rapide verschwindet.
Die Legende von Citlaltépetl
Für die alten Zivilisationen Mesoamerikas – die Olmeken, Totonaken und Azteken – war der Berg heilig. Der Name Citlaltépetl stammt von den Nahuatl-Wörtern citlalli (Stern) und tepetl (Berg).
Die Geschichte von Quetzalcoatl
Eine Legende verbindet den Berg mit dem Gott Quetzalcoatl (der gefiederten Schlange). Es wird gesagt, dass Quetzalcoatl, nachdem er die toltekische Hauptstadt Tula verlassen hatte, nach Osten in Richtung Meer reiste. Bevor er verschwand, bestieg er den großen Vulkan und opferte sich selbst. Seine Asche stieg in den Himmel auf, um zu Vögeln mit wunderschönem Gefieder zu werden, während sein Herz aufstieg, um der Morgenstern (Venus) zu werden. So wurde der Berg zum „Sternenberg“, der irdischen Startrampe für einen Gott.
Der Schutzgeist
Eine andere lokale Legende erzählt von einem tapferen Krieger namens Orizaba und einer schönen Jungfrau. Sie verliebten sich, aber der Krieg trennte sie. Orizaba fiel im Kampf. Mit gebrochenem Herzen stieg die Jungfrau auf den höchsten Gipfel, legte sich nieder und starb vor Kummer. Die Götter, bewegt von ihrem Schmerz, bedeckten ihren Körper mit ewigem Schnee und verwandelten sie in den Vulkan. Wenn sie sich an ihre verlorene Liebe erinnert, zittert sie (Erdbeben) und seufzt (Fumarolen). Der Berg wird daher als schlafende Frau angesehen, ein Schutzgeist, der über die Täler unten wacht.
Geologie: Eine Schichttorte aus Feuer
Der Pico de Orizaba ist der östlichste Gipfel des Transmexikanischen Vulkangürtels, eines geologischen Wunders, das Zentralmexiko vom Pazifik bis zum Golf überspannt.
- Struktur: Er ist ein klassischer Kompositvulkan (Stratovulkan), der über Millionen von Jahren durch abwechselnde Schichten aus Lavaströmen, Asche und pyroklastischen Trümmern aufgebaut wurde. Der heutige Kegel ist eigentlich der dritte Vulkan, der an dieser Stelle steht. Der erste (Torrecillas) stürzte ein, und der zweite (Espolón de Oro) wurde auf seinen Ruinen errichtet, bevor er ebenfalls teilweise einstürzte. Der moderne Citlaltépetl-Kegel ist in den Überresten dieser Vorfahren gewachsen.
- Der Krater: Der Gipfel wird von einem elliptischen Krater gekrönt, der etwa 400 mal 500 Meter (1.300 mal 1.600 Fuß) misst und etwa 300 Meter tief ist. Er ist steilwandig und bedrohlich und enthüllt deutliche Schichten aus rotem und schwarzem Vulkangestein.
- Eruptionsgeschichte: Der Vulkan ruht seit 1846, aber seine Geschichte ist gewalttätig. Größere Ausbrüche ereigneten sich in den Jahren 1545, 1566, 1630 und 1687. Geologen stufen ihn als aktiv ein, da 150 Jahre in geologischer Zeit ein Wimpernschlag sind. Zukünftige Ausbrüche könnten angesichts der dichten Bevölkerung in den umliegenden Städten wie Orizaba, Córdoba und Puebla katastrophal sein.
Die Gletscher: Eine verschwindende Krone
Der Pico de Orizaba ist einer von nur drei Bergen in Mexiko, die noch Gletscher beherbergen (die anderen sind Iztaccíhuatl und Popocatépetl).
- Gran Glaciar Norte: Die Haupteismasse ist der Gran Glaciar Norte (Großer Nordgletscher). Es ist der größte Gletscher in Mexiko und erstreckt sich vom Gipfel bis auf etwa 5.000 Meter hinab.
- Klimawandel: Die Gletscher ziehen sich in alarmierendem Tempo zurück. Seit 1950 hat Orizaba mehr als 50% seiner Eisbedeckung verloren. Wissenschaftler sagen voraus, dass die Gletscher in den nächsten Jahrzehnten vollständig verschwinden könnten. Dies ist nicht nur ein Verlust an Schönheit; die Gletscher fungieren als Wasserturm und speisen die Flüsse, die Millionen von Menschen im Bundesstaat Veracruz mit Wasser versorgen.
- Der Jamapa-Gletscher: Diese Zunge des Gran Glaciar Norte ist die Hauptroute für Bergsteiger. Seine Gletscherspalten sind tief und verändern sich ständig, was eine echte Gefahr für Bergsteiger darstellt. Das schmelzende Eis legt oft Relikte aus der Vergangenheit frei, darunter die mumifizierten Überreste von Bergsteigern, die vor Jahrzehnten verloren gingen und durch den tiefen Frost konserviert wurden.
Bergsteigen: Das Dach Mexikos besteigen
Für Bergsteiger ist der Pico de Orizaba ein begehrter Preis. Er ist oft der erste „Hochgebirgsgipfel“ (über 5.000 Meter), den Kletterer versuchen, die sich auf den Himalaya oder die Anden vorbereiten.
- Die Saison: Die beste Zeit zum Klettern ist die Trockenzeit, von Oktober bis März. Im Sommer ist der Berg oft in Wolken gehüllt und wird von Stürmen heimgesucht.
- Die Route: Die Standardroute ist die Jamapa-Gletscher-Route auf der Nordwand. Kletterer starten typischerweise von der Piedra Grande Hütte auf 4.260 Metern (13.976 Fuß).
- Der Zustieg: Der Aufstieg beginnt im Dunkeln, oft gegen 1:00 Uhr morgens, und führt durch ein felsiges Labyrinth namens „Das Labyrinth“, in dem man sich notorisch leicht verirren kann.
- Der Gletscher: Auf etwa 5.000 Metern schnallen die Kletterer Steigeisen an und seilen sich für den Gletscher an. Der Hang ist anhaltend und steil und erreicht Winkel von 35 bis 40 Grad. Es ist eine lange, zermürbende Schinderei auf hartem Eis.
- Der Gipfel: Den Kraterrand bei Sonnenaufgang zu erreichen, ist ein spirituelles Erlebnis. Der Schatten des Berges erstreckt sich hunderte von Meilen nach Westen, eine perfekte Pyramide aus Dunkelheit, die auf den Morgendunst geworfen wird. Innerhalb des Kraters fallen die Wände steil in ein Kaleidoskop aus oxidiertem Gestein ab – Rot-, Gelb- und Schwarztöne, die heftig mit dem blendenden Weiß des Randes kontrastieren. Es ist ein Ort der absoluten Stille, abgesehen vom Wind. Der Blick umfasst die anderen großen Vulkane Mexikos: Popocatépetl, Iztaccíhuatl und La Malinche im Westen und den schimmernden Golf von Mexiko im Osten.
- Die Südwand: Für diejenigen, die eine andere Herausforderung suchen, bietet die Südwand eine nicht vergletscherte Route. Es ist eine zermürbende Schinderei auf losem Geröll (Sand und kleine Steine), bei der man für jeden zweiten Schritt einen Schritt zurückrutscht. Es ist technisch einfacher, aber körperlich demoralisierend. Es ist jedoch die einzige Option, wenn der nördliche Gletscher zu vereist oder gefährlich ist.
- Sicherheitsbilanz: Obwohl zugänglich, ist Orizaba tödlich. Jedes Jahr gehen Bergsteiger durch Stürze auf dem harten Eis oder Orientierungslosigkeit bei Whiteout-Bedingungen verloren. Der Berg verlangt Respekt. Der „Sarkophag“ ist eine berühmte Felsformation in der Nähe des Gletschers, wo Rettungsmissionen oft Operationen durchführen.
- Herausforderungen: Die größte Gefahr ist nicht die technische Schwierigkeit, sondern die Höhenkrankheit. Auf 5.636 Metern enthält die Luft nur halb so viel Sauerstoff wie auf Meereshöhe. Kletterer müssen sich richtig akklimatisieren oder riskieren ein Lungen- oder Hirnödem.
- Die Sieben Vulkane: Orizaba ist Teil der „Volcanic Seven Summits“-Herausforderung – den höchsten Vulkan auf jedem Kontinent zu besteigen. Er repräsentiert den nordamerikanischen Kontinent auf dieser prestigeträchtigen Liste.
Biodiversität: Von den Tropen zur Tundra
Den Orizaba zu besteigen ist wie eine Reise vom Äquator zu den Polen an einem einzigen Tag.
- Die Basis: Die unteren Hänge (bis 2.500 m) sind mit üppigen Nebelwäldern und Kiefern-Eichen-Wäldern bedeckt, die reich an Biodiversität sind, darunter Bromelien, Orchideen und verschiedene Vogelarten.
- Die Mitte: Während Sie aufsteigen, geht der Wald in widerstandsfähige Oyamel-Tannen und Hartweg-Kiefern über – die Bäume, die bekanntermaßen von Monarchfaltern für den Winterschlaf genutzt werden (obwohl die Hauptschutzgebiete weiter westlich liegen).
- Die alpine Zone: Oberhalb von 4.000 Metern verschwinden die Bäume. Die Landschaft wird zu einem Zacatonal – hochgelegenes Grasland, das von zähen Tussock-Gräsern dominiert wird. Es ist eine karge, goldene Landschaft, die vom Wind gepeitscht wird.
- Die Hochwüste: Oberhalb der Grasgrenze liegt die alpine Wüste – loses Vulkangeröll, Fels und Staub, wo fast nichts wächst. Diese lebenslose Zone erstreckt sich bis zum Rand des ewigen Schnees.
Das Large Millimeter Telescope
Der Nachbar des Pico de Orizaba, Sierra Negra (ein erloschener Vulkan mit 4.580 m Höhe), beherbergt eines der weltweit führenden wissenschaftlichen Instrumente: das Large Millimeter Telescope (LMT).
- Das Auge: Es ist das größte bewegliche Einzelteleskop in seinem Frequenzbereich der Welt.
- Die Wissenschaft: Das LMT beobachtet die Entstehung von Sternen und Galaxien aus dem frühen Universum. Sein Standort wurde gewählt, weil die große Höhe und die trockene Luft atmosphärische Störungen minimieren und es ihm ermöglichen, Radiowellen zu „sehen“, die in niedrigeren Lagen von Feuchtigkeit absorbiert würden. Es steht als moderner „Sternenberg“ neben dem alten.
Fazit
Pico de Orizaba ist ein Berg der Kontraste. Er ist Feuer, gekrönt von Eis. Er ist eine heilige alte Gottheit und eine moderne bergsteigerische Herausforderung. Er ist ein Lebensspender durch sein Gletscherschmelzwasser und ein potenzieller Zerstörer durch seine schlummernde Kraft. Wenn man auf seinem Gipfel steht und nach der dünnen Luft schnappt, fühlt man sich nicht wie ein Eroberer, sondern wie ein Gast in einem Reich, das dem Himmel gehört. Während die Gletscher schwinden, erinnert uns der Berg an die Zerbrechlichkeit selbst der imposantesten Riesen auf unserem Planeten.