Mount Karua
Ein Unterwasservulkan in Papua-Neuguinea, der häufig kurzlebige Inseln gebildet und massive Damperuptionen erzeugt hat.
Der Mount Karua ist ein geologisches Phantom, ein Vulkan, der aus dem Meer aufsteigt, nur um wieder unter den Wellen zu verschwinden. Dieser aktive Unterwasservulkan im Bismarck-Meer von Papua-Neuguinea ist ein “Springteufel” des Südpazifiks, der häufig kurzlebige Inseln schafft, die als temporäre Denkmäler für das unruhige Innere der Erde dienen.
Der unterseeische Baumeister
Karua liegt innerhalb einer großen, untergetauchten Kaldera (etwa 5x7 km breit) zwischen den Inseln Lou und Tamu.
- Die Kegel: Die unterseeische Landschaft ist mit mehreren Kegeln übersät, aber der aktivste – Karua – durchbricht häufig die Oberfläche.
- Surtseyanische Eruptionen: Der primäre Eruptionsstil von Karua ist Surtseyanisch. Diese heftige Wechselwirkung tritt auf, wenn Magma bei 1200°C auf flaches Meerwasser trifft. Das Wasser verdampft augenblicklich zu Dampf, dehnt sich im Volumen um das 1600-fache aus und sprengt die frische Lava in feine Asche und Bimsstein auseinander. Dies erzeugt die charakteristischen “Hahnenkamm”-Jets aus schwarzer Tephra und weißem Dampf, die Hunderte von Metern in die Luft reichen können.
Die Inseln, die verschwinden
Karua ist am berühmtesten für seinen Zyklus von Inselbildung und Zerstörung.
- Geburt: Während einer großen Eruptionsphase (wie 1891, 1950 oder 1975) baut die Ansammlung von Asche und Bimsstein einen Kegel auf, der die Meeresoberfläche durchbricht.
- Leben: Diese Inseln sind oft karge, graue Mondlandschaften. Sie können Hunderte von Metern lang sein und 5-10 Meter hoch stehen. Für ein paar Wochen oder Monate existieren sie als neues Territorium auf der Karte.
- Tod: Da die Inseln aus unkonsolidierter Tephra (lockerer Asche und Gestein) bestehen, sind sie unglaublich fragil. Sobald die Eruption aufhört, greifen die mächtigen Wellen des Bismarck-Meeres die Küstenlinie an. Ohne einen festen Lavakern, um sie zu verankern, werden die Inseln weggewaschen und Karua kehrt in seinen unterseeischen Zustand zurück.
Die marinen Auswirkungen
Obwohl zerstörerisch für die Insel selbst, ist Karua ein Motor für das lokale marine Ökosystem.
- Eisendüngung: Die Asche von Karua ist reich an Eisen, einem entscheidenden Mikronährstoff für Phytoplankton. Eruptionen lösen oft massive Algenblüten aus, die wiederum Köderfische, Thunfische und Haie anziehen. Die Gewässer um den Vulkan wimmeln oft von Leben.
- Bimssteinflöße: Karua stößt oft riesige Flöße aus schwimmendem Bimsstein aus – Gesteine, die so leicht sind, dass sie auf dem Wasser treiben. Diese Flöße können kilometerbreit sein. Sie fungieren als “Rettungsboote” für marine Organismen (Seepocken, Krabben, Korallen), driften über den Ozean und helfen Arten, neue Inseln tausende Kilometer entfernt zu kolonisieren.
Die Eruption von 1891: Ein historischer Zeuge
Einer der wenigen Augenzeugenberichte einer großen inselbildenden Phase stammt aus dem Jahr 1891.
- Die Beobachtung: Deutsche Kolonialoffiziere, die in Neuguinea stationiert waren, berichteten von einem “kochenden Ozean”.
- Das Phänomen: Tagelang glühte das Meer nachts rot. Tagsüber markierten riesige Dampfsäulen die Stelle.
- Das Ergebnis: Eine beträchtliche Insel entstand, komplett mit einem Kratersee. Sie war stabil genug, dass Vögel darauf nisten konnten, aber innerhalb eines Jahres hatten die unerbittlichen Wellen sie zurückgefordert und nur eine Untiefe hinterlassen. Dieser Bericht dient als Basislinie für das Verständnis der Geschwindigkeit von Karuas geologischem Lebenszyklus.
Die Physik unterseeischer Explosionen
Warum ist Karua so explosiv? Es läuft auf den Kampf zwischen Hitze und Druck hinaus.
- Flaches Wasser: Der Gipfel des Karua liegt nur 12 Meter tief. In dieser Tiefe ist der Wasserdruck nicht hoch genug, um die Ausdehnung vulkanischen Gases zu unterdrücken (im Gegensatz zu Tiefseevulkanen).
- Brennstoff-Kühlmittel-Wechselwirkung: Wenn 1200°C heißes Magma auf 25°C warmes Wasser trifft, ist die Wärmeübertragung augenblicklich. Das Wasser verdampft zu Dampf und dehnt sich in Millisekunden um das 1600-fache aus. Dies zerschmettert das Magma.
- Tephra-Jets: Diese Fragmentierung erzeugt “cypressenartige” Jets – schwarze Schlammjests, die wie Zypressenbäume aussehen. Sie verhindert die Bildung fester Lavaströme, weshalb die Inseln aus lockerem Schutt bestehen und so leicht weggewaschen werden.
Ozeanographie: Die Bimsstein-Drifter
Karuas Einfluss reicht weit über seinen Krater hinaus.
- Die Flöße: Ausgestoßener Bimsstein ist hochgradig vesikulär (gefüllt mit Gasblasen), was ihn leichter als Wasser macht.
- Die Reise: Diese Flöße geraten in den Südäquatorialstrom. Bimsstein von Karua wurde an Stränden in Queensland, Australien, und sogar so weit entfernt wie Fidschi angespült gefunden.
- Biologische Taxis: Biologen haben festgestellt, dass diese Steine Anhalter tragen – Korallen, Moostierchen und hartnäckige Samen. Karua ist effektiv eine biologische Sämaschine, die hilft, die genetische Konnektivität über die riesigen, isolierten Inseln des Pazifiks aufrechtzuerhalten.
Vergleichende Vulkanologie
Karua wird oft mit anderen “Springteufel”-Vulkanen verglichen.
- vs. Kavachi (Salomonen): Wie Karua ist Kavachi ein flacher Unterwasservulkan, der für “Hahnenkamm”-Explosionen bekannt ist. Beide haben Mühe, permanente Inseln zu bauen, aufgrund der Wellenerosion.
- vs. Hunga Tonga: Vor seiner massiven Explosion 2022 war Hunga Tonga-Hunga Ha’apai ein ähnlicher surtseyanischer Kegel. Karua dient als Modell im kleineren Maßstab, um die Vorkaldera-Dynamik dieser gefährlichen Systeme zu verstehen.
Die Aktivität von 2008: Ein modernes Wiederaufleben
Im Jahr 2008 erinnerte Karua die Welt daran, dass er immer noch aktiv war, wenn auch auf subtilere Weise.
- Die Zeichen: Fischer berichteten von sprudelndem Wasser und einem starken Schwefelgeruch in der Nähe der Untiefe.
- Satellitenbestätigung: Satelliten des NASA Earth Observatory entdeckten verfärbte Wasserfahnen – ein sicheres Zeichen für unterseeische Entgasung.
- Das Ergebnis: Im Gegensatz zu früheren Ereignissen durchbrach dies nicht die Oberfläche. Es war ein “gescheitertes” inselbildendes Ereignis. Es füllte jedoch den Vorrat an frischem vulkanischem Material am Meeresboden auf und bereitete die Bühne für die nächste große Eruption.
Die Herausforderung der unterseeischen Überwachung
Die Überwachung des Karua ist unendlich schwieriger als die Überwachung eines Landvulkans.
- Keine Seismometer: Man kann ein Seismometer nicht einfach an eine lockere Bimssteinuntiefe schrauben.
- Hydroakustik: Der primäre Weg, wie Wissenschaftler Karua “hören”, sind Hydrophone (Unterwassermikrofone), die tausende von Kilometern entfernt liegen, oft Teil des globalen Überwachungsnetzwerks für Atomtests. Diese Sensoren können die “Schreie” von entweichendem Dampf und das “Grollen” von Unterwassererdrutschen auffangen.
- Visuelle Lücken: Wenn kein Schiff zufällig vorbeifährt oder ein Satellit eine klare Aufnahme zwischen Wolken bekommt, können kleine Eruptionen völlig unbemerkt bleiben. Karua bricht wahrscheinlich viel öfter aus, als die offizielle Aufzeichnung vermuten lässt.
Die Zukunft: Eine permanente Insel?
Wird Karua jemals eine permanente Insel wie Surtsey in Island bauen?
- Das Hindernis: Das Hauptproblem ist die Zusammensetzung. Karua bricht Dazit- und Andesit-Bimsstein aus, der leicht und schaumig ist. Surtsey brach Basalt aus, der dichter ist und zähere Lavaströme bildet.
- Die Schwelle: Damit Karua permanent wird, muss er schnell und lange genug ausbrechen, um ein “Lavadelta” aus festem Gestein zu bauen, das die lockere Asche gegen die Wellen “panzert”. Bis das passiert, wird er ein temporärer Geist bleiben.
Der Kontext des Feuerrings
Karua ist ein kleines Rädchen in einer riesigen Maschine.
- Die Mikroplatte: Er sitzt auf der Süd-Bismarck-Mikroplatte, einem winzigen Krustenfragment, das in einer tektonischen “Kollisionszone” zwischen den massiven Pazifischen und Australischen Platten gefangen ist.
- Schnelle Ausdehnung: Diese Mikroplatte rotiert und dehnt sich und öffnet Risse in der Erdkruste. Karua leckt im Wesentlichen aus einem dieser tektonischen Dehnungsstreifen. Er ist ein direktes Fenster in die chaotische Tektonik des Südwestpazifiks.
Jüngste wissenschaftliche Vermessungen
Im letzten Jahrzehnt hat sich unser Verständnis von Karua dank neuer Technologie verbessert.
- Fächerecholot-Kartierung: Jüngste Mehrstrahl-Sonarvermessungen haben den Meeresboden um den Vulkan hochauflösend kartiert. Diese Karten enthüllen die “Geister” vergangener Inseln – kreisförmige Schuttfächer, die sich vom zentralen Schlot ausbreiten – und bestätigen, dass Karua im Laufe der Jahrhunderte Dutzende von Inseln gebaut und verloren hat.
- ROV-Tauchgänge: Ferngesteuerte Fahrzeuge ermöglichen es Biologen nun, die hydrothermalen Quellen an den Flanken des Vulkans zu besuchen, ohne menschliche Taucher zu gefährden. Sie haben Bakterienmatten gefunden, die auf dem aus dem Magma austretenden Schwefelwasserstoff gedeihen, ein chemosynthetisches Ökosystem, das in den Untiefen operiert.
Lokale Legenden und Gefahren
Die Einheimischen der Admiralitätsinseln kennen das “brennende Meer” schon lange.
- Navigationsgefahr: Für Seeleute ist Karua ein Albtraum. Die Wassertiefe kann sich innerhalb weniger Wochen von 200 Metern auf 2 Meter ändern. Die Bimssteinflöße können auch Motoreinlässe verstopfen und die Rümpfe kleiner Boote beschädigen.
- Tsunami-Risiko: Unterseeische Explosionen oder der Einsturz des Unterwassergebäudes können lokale Tsunamis erzeugen. Obwohl meist klein, können diese Wellen eine Bedrohung für die Küstendörfer auf der nahe gelegenen Insel Lou darstellen.
Wissenschaftliche Grenze
Karua bleibt weitgehend unerforscht.
- Hydrothermale Quellen: Wissenschaftler glauben, dass die untergetauchte Kaldera die Heimat hydrothermaler Quellen ist – Unterwassergeysire, die extremophile Lebensformen (Röhrenwürmer, Krabben) unterstützen, die in völliger Dunkelheit leben, angetrieben durch Chemosynthese.
- Mineralien: Der Boden des Manus-Beckens wird von Bergbauunternehmen wegen “Massiver Sulfide am Meeresboden” (SMS) ins Auge gefasst – Ablagerungen, die reich an Gold, Kupfer und Zink sind, abgelagert von Vulkanen wie Karua. Dies wirft komplexe ethische und ökologische Fragen zum Abbau eines aktiven vulkanischen Ökosystems auf. Umweltschützer argumentieren, dass der Abbau dieser Schlote einzigartige genetische Bibliotheken zerstören könnte, bevor sie überhaupt vollständig verstanden sind. Die extreme Anpassungsfähigkeit der dort lebenden Organismen könnte Schlüssel für neue Biotechnologien oder Medikamente enthalten.
Fazit
Der Mount Karua ist eine Erinnerung daran, dass die Karte der Welt nicht fixiert ist. Es ist ein flüssiges, dynamisches Dokument, in dem Land im Handumdrehen eines geologischen Auges geschaffen und gelöscht werden kann. Er repräsentiert die rohe, kreative und zerstörerische Kraft des Planeten, die nur knapp unter der blauen Oberfläche des Bismarck-Meeres verborgen liegt.