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Mount Cleveland: Der schlaflose Riese der Aleuten

Entdecken Sie Mount Cleveland, den aktivsten Vulkan der Aleuten-Inseln. Erforschen Sie seine abgelegene Lage, seine explosive Geschichte und die Herausforderungen der Überwachung eines Vulkans am Rande der Welt.

Standort Chuginadak Island, Alaska, USA
Höhe 1730 m
Typ Stratovulkan
Letzter Ausbruch 2020

Mount Cleveland, auch bekannt als Chuginadak, ist einer der beständig aktivsten und gefährlichsten Vulkane Nordamerikas. In den abgelegenen Aleuten-Inseln von Alaska gelegen, erhebt sich dieser fast symmetrische Stratovulkan 1.730 Meter direkt aus den brodelnden Gewässern der Beringsee.

Er bildet die westliche Hälfte von Chuginadak Island, ein Name, der vom aleutischen Wort für den Vulkan abgeleitet ist (die Aleuten nennen ihn “Die Feuergöttin”). Im Gegensatz zu vielen anderen Vulkanen, die lange Ruhephasen haben, ist Cleveland ein rastloser Riese, der häufig Asche und Lava in einer Demonstration roher geologischer Kraft speit, die eine ständige Bedrohung für die trans-pazifische Luftfahrt darstellt.

Geologischer Rahmen: Die Inseln der vier Berge

Mount Cleveland ist der höchste Gipfel der Gruppe Islands of the Four Mountains.

  • Isolation: Der Vulkan liegt etwa 1.500 Kilometer südwestlich von Anchorage. Er ist unglaublich abgelegen; die Insel ist unbewohnt, und die nächste Siedlung ist das kleine Dorf Nikolski auf Umnak Island, etwa 75 Kilometer entfernt.
  • Die Feuerlinie: Er sitzt auf dem Aleutenbogen, einer 2.500 Kilometer langen Kette von Vulkanen, die dort entsteht, wo die Pazifische Platte unter die Nordamerikanische Platte taucht.
  • Besondere Chemie: Das Magma hier ist tholeiitischer Basalt und Andesit, typisch für unreife Inselbögen. Es ist heiß, flüssig, interagiert aber oft mit Meerwasser, was zu explosiver hydro-magmatischer Aktivität führt.

Untersuchung des Unerreichbaren: Fernerkundung

Wie überwacht man einen Vulkan, den man nicht besuchen kann? Cleveland hat Innovationen in der Fernerkundung vorangetrieben.

  • Satelliten-Wärmealarme: Wissenschaftler nutzen MODIS- und VIIRS-Satellitendaten, um “Hot Spots” auf dem Gipfel zu erkennen. Ein plötzlicher Anstieg der Pixeltemperatur zeigt an, dass Lava die Oberfläche erreicht hat.
  • Infraschall: Da seismische Netzwerke schwer zu warten sind, lauschen Forscher auf “Infraschall” – tieffrequente Schallwellen, die durch Explosionen erzeugt werden. Infraschall-Arrays, die so weit entfernt wie Fairbanks stehen, können den “Dumpfschlag” einer Cleveland-Explosion erkennen, der Tausende von Meilen durch die Atmosphäre reist.
  • Blitze: Explosive Aschewolken erzeugen vulkanische Blitze. Globale Blitzortungsnetzwerke liefern oft die erste Warnung, dass Cleveland ausgebrochen ist.

Ökologie am Abgrund

Das Leben auf Chuginadak Island ist zäh.

  • Seevogelkolonien: Die felsigen Klippen der Insel sind Nistplätze für Tausende von Seevögeln, darunter Papageientaucher, Alken und Trottellummen. Sie gedeihen in den nährstoffreichen Gewässern der Beringsee.
  • Das Fuchsproblem: Historisch gesehen führten Pelzjäger den Polarfuchs auf diesen Inseln ein. Die Füchse dezimierten die einheimischen Vogelpopulationen. Es wurden große Anstrengungen unternommen, nicht-einheimische Füchse auszurotten, um das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Der maritime Friedhof

Die turbulenten Gewässer um Mount Cleveland sind ein Friedhof für Schiffe.

  • Die Großkreisroute: Tausende von Frachtschiffen passieren jährlich die Insel auf dem Weg zwischen Asien und den USA.
  • Die Bedrohung: Technisches Versagen bedeutet hier das Treiben auf vulkanische Felsen in eiskalter, sturmgepeitschter See. Im Jahr 2011 trieb das Frachtschiff Golden Seas während eines Sturms hilflos in der Nähe des Vulkans und entging nur knapp einer Katastrophe. Der Vulkan fungiert als dunkler Leuchtturm für diese gefährlichen Gewässer.

Eine Geschichte der Gefahren für die Luftfahrt

Aufgrund seiner Lage direkt unter den geschäftigen “Großkreis”-Flugrouten, die Nordamerika und Asien verbinden, ist Mount Cleveland ein großes Problem für die Flugsicherheit.

  • Häufige Explosionen: Cleveland ist bekannt für kurzlebige, explosive Eruptionen, die Aschewolken innerhalb von Minuten auf Höhen von 5.000 bis 10.000 Metern senden können.
  • Die Eruption von 2001: Eines der bedeutendsten jüngeren Ereignisse ereignete sich im Februar 2001. Der Vulkan produzierte explosive Aschewolken, die fast 12.000 Meter erreichten und den Flugverkehr störten.
  • Herausforderung Überwachung: Jahrzehntelang war Cleveland ein “blinder Fleck”. Er hatte keine bodengestützten seismischen Instrumente, was Wissenschaftler dazu zwang, sich ausschließlich auf Satellitenbilder und Pilotenberichte zu verlassen. In den letzten Jahren hat das Alaska Volcano Observatory (AVO) unermüdlich daran gearbeitet, die Überwachung zu verbessern, aber das raue Wetter macht die Wartung von Instrumenten zu einem logistischen Albtraum.

Das Mysterium der verschwundenen Bergsteiger

Mount Cleveland nimmt einen tragischen Platz in der amerikanischen Bergsteigergeschichte ein.

  • Die Tragödie von 1944: Während des Zweiten Weltkriegs war eine kleine Armeeabteilung auf der Insel stationiert, um vor japanischen Invasionen zu warnen (Teil der Aleuten-Kampagne, dem “vergessenen Krieg”). Im Jahr 1944 versuchte eine Gruppe von Soldaten, den Vulkan zu besteigen, wahrscheinlich um die Langeweile ihres isolierten Postens zu durchbrechen.
  • Das Verschwinden: Sie kehrten nie zurück. Man glaubt, dass sie in eine plötzliche Eruption oder eine Schlammlawine in der Nähe des Gipfels gerieten, aber ihre Leichen wurden nie gefunden.
  • Das Erbe: Dieses Ereignis unterstreicht die unvorhersehbare und tödliche Natur des Berges. Bis heute gibt es keine Gedenktafel auf der Insel, nur die mündliche Überlieferung der wenigen Veteranen, die dort dienten. Chuginadak Island bleibt ein Kriegsgrab.

Die versteckte Basis: Unterwassergeologie

Was wir vom Mount Cleveland sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs.

  • Die Plattform: Der Vulkan sitzt auf einer massiven Unterwasserplattform, die 30 Kilometer breit ist.
  • Unterwasserflanken: Detaillierte bathymetrische Kartierungen zeigen, dass die Unterwasserflanken von massiven Trümmerlawinen vernarbt sind – ein Beweis dafür, dass die Insel im Laufe der Jahrtausende mehrfach kollabiert und sich wieder aufgebaut hat. Diese Unterwassererdrutsche sind in der Lage, lokale Tsunamis zu erzeugen.

Vergleichende Vulkanologie: Cleveland vs. Pavlof

Cleveland wird oft mit seinem aleutischen Cousin, Mount Pavlof, verglichen.

  • Ähnlichkeiten: Beide sind Stratovulkane mit häufigen, strombolianischen Eruptionen. Beide sind große Gefahren für die Luftfahrt.
  • Unterschiede: Pavlof bricht direkt aus einem Schlot aus, während Cleveland oft zuerst einen Lavadom baut. Dieser “Verkorkungsmechanismus” macht Clevelands Explosionen potenziell gewalttätiger und unvorhersehbarer als Pavlofs “offener Schlund”-Feuerfontänen.

Klima-Interaktionen: Das Aleutentief

Cleveland kämpft gegen eines der heftigsten Wettersysteme der Erde: das Aleutentief.

  • Die Sturmfabrik: Dieses Tiefdruckgebiet erzeugt die massiven Stürme, die die Westküste Nordamerikas peitschen.
  • Asche und Regen: Der ständige Regen und Schnee waschen Vulkanasche schnell aus der Atmosphäre und verhindern, dass sie den Globus umkreist. Dies erzeugt jedoch “sauren Schnee” auf der Insel selbst.
  • Sensorschäden: Die Kombination aus Orkanwinden (über 160 km/h) und Raureif ist der Grund, warum Überwachungsinstrumente so oft ausfallen. Es ist nicht nur der Vulkan; es ist das Wetter.

Die Eruptionssequenz 2016-2017

Eine jüngste Sequenz illustriert Clevelands Temperament perfekt.

  • Der Aufbau: Im Jahr 2016 wuchs ein kleiner Lavadom im Krater.
  • Der Knall: Im Mai 2017 zerstörte eine massive Explosion den Dom. Die Schockwelle wurde von Infraschallsensoren in 1.500 km Entfernung erfasst.
  • Der Zyklus: Innerhalb von Wochen begann ein neuer Dom zu wachsen. Dieses “Springteufel”-Verhalten – baue einen Dom, sprenge ihn, wiederhole – ist die Signatur des Mount Cleveland.

Radar-Vision: InSAR

Wie messen wir das Anschwellen des Vulkans?

  • InSAR: Wissenschaftler nutzen Interferometric Synthetic Aperture Radar (InSAR). Durch den Vergleich von Radarbildern, die im Laufe der Zeit aus dem Weltraum aufgenommen wurden, können sie Bodenverformungen von nur wenigen Zentimetern erkennen.
  • Inflation: Vor einem Ausbruch “bläht” sich Mount Cleveland oft auf wie ein Ballon, wenn Magma die Kammer füllt. InSAR ermöglicht es Wissenschaftlern, diese Atembewegung aus dem Orbit zu sehen, was eine entscheidende Frühwarnung liefert.

Die Tiefe der Magmaspeicherung

Die petrologische Analyse der Lavakristalle erzählt eine Geschichte aus der tiefen Erde.

  • Die Kristalle: Kristalle aus Pyroxen und Plagioklas in der Lava fungieren als “Flugschreiber”.
  • Die Daten: Ihre chemische Zonierung enthüllt, dass das Magma in einem Reservoir etwa 4 bis 6 Kilometer unter dem Meeresboden gespeichert wird, bevor es ausbricht. Es steigt schnell aus dieser Tiefe auf und gibt nur wenig seismische Vorwarnung.

Mündliche Überlieferung der Aleuten

Obwohl heute unbewohnt, waren die Inseln einst die Heimat des Unangan (Aleuten)-Volkes.

  • Die Feuerinseln: Mündliche Überlieferungen sprechen von den “Feuerinseln” und enthalten Warnungen vor den Gefahren, zu nahe an den rauchenden Gipfeln zu leben.
  • Navigation: Geschickte Kajakfahrer (mit iqyax-Paddeln) nutzten die Rauchfahne des Vulkans als Wetterbake. Eine vertikale Säule bedeutete ruhigen Wind; eine gebogene Säule warnte vor einem herannahenden Sturm.

Fazit

Mount Cleveland dient als karke Erinnerung daran, dass die Erde ein dynamischer und manchmal gewalttätiger Planet ist. Ideal gelegen, um den globalen Reiseverkehr zu stören, aber versteckt in einer der unzugänglichsten Ecken der Welt, ist er ein Vulkan, der Aufmerksamkeit aus der Ferne verlangt. Er ist ein einsamer Wächter in der Beringsee, der mit einem Feuer brennt, das sich weigert, auszugehen.

Technische Fakten

  • Lage: Islands of the Four Mountains, Aleuten, Alaska
  • Koordinaten: 52.825° N, 169.944° W
  • Gipfelhöhe: 1.730 m
  • Vulkantyp: Stratovulkan
  • Nächste Siedlung: Nikolski (75 km östlich)
  • Status: Aktiv (Häufige Warnungen).
  • Hauptgefahr: Aschewolken für die Luftfahrt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann man Mount Cleveland besuchen?

Für Touristen ist die Antwort praktisch nein. Die extremen Wetterbedingungen, das Fehlen jeglicher Infrastruktur und die ständige Gefahr von Eruptionen machen eine Reise dorthin zu einer logistischen und finanziellen Herausforderung, die meist nur von wissenschaftlichen Expeditionen bewältigt wird.

Warum ist er so gefährlich für Flugzeuge?

Die Flugrouten zwischen Nordamerika und Asien führen direkt über die Aleuten, um die Erdkrümmung zu nutzen (Großkreis). Da Cleveland oft ohne Vorwarnung Asche bis in Reiseflughöhe (30.000 Fuß) schießt, haben Piloten kaum Zeit zu reagieren. Asche in den Triebwerken kann zum totalen Schubverlust führen.

Gibt es Tiere auf dem Vulkan?

Ja, im unteren Bereich. Füchse und Seevögel sind häufig. Aber die oberen Hänge sind eine sterile Wüste aus Asche und Eis, wo fast nichts überleben kann.

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