Mount Aso
Heimat einer der weltgrößten vulkanischen Calderas. Eine Landschaft aus rauchenden Kratern, smaragdgrünen Wiesen und alter Mythologie im Herzen von Kyushu.
Mount Aso: Das Land des Feuers
Der Mount Aso (Aso-san) ist nicht nur ein Berg; er ist ein geografischer Koloss. Gelegen im Zentrum von Kyushu, Japans südlicher Insel, verfügt er über eine der größten bewohnten vulkanischen Calderas der Welt. Die Caldera misst atemberaubende 25 Kilometer von Nord nach Süd und 18 Kilometer von Ost nach West, mit einem Umfang von über 100 Kilometern.
Im Gegensatz zu den meisten Vulkanen, wo Menschen an den Hängen leben, leben die Menschen am Aso innerhalb des Vulkans. Der Calderaboden ist eine weitläufige Ebene, auf der fast 70.000 Menschen leben, mit drei Städten (Aso, Takamori und Minamiaso), reichlich Reisfeldern und zwei Eisenbahnlinien. Aus der Mitte dieses flachen Beckens erhebt sich die zentrale Vulkangruppe, die Aso Gogaku (Fünf Gipfel des Aso), und schafft eine Landschaft, die wie eine von Riesen erbaute Festung aussieht.
Geologischer Rahmen: Die Super-Eruptionen
Der Aso, den wir heute sehen, ist das Ergebnis von vier massiven caldera-bildenden Eruptionen, die zwischen vor 90.000 und 270.000 Jahren stattfanden.
- Aso-4: Die größte davon, die vor etwa 90.000 Jahren stattfand, war wahrhaft kataklysmisch. Sie stieß über 600 Kubikkilometer vulkanisches Material aus. pyroclastische Ströme rasten über das Meer zu benachbarten Inseln, und Asche von diesem Ereignis wurde bis nach Hokkaido im Norden Japans gefunden.
- Die Fünf Gipfel: Der zentrale Kegelkomplex besteht aus fünf verschiedenen Gipfeln:
- Mt. Nakadake (1.506 m): Der einzige derzeit aktive Gipfel. Es ist derjenige, zu dem Touristen strömen.
- Mt. Takadake (1.592 m): Der höchste Punkt.
- Mt. Nekodake: Der zerklüftete, sägezahnartige Gipfel, der ganz anders aussieht als die anderen.
- Mt. Eboshidake: Charakteristisch für seine sanften Hänge.
- Mt. Kishimadake: In der Nähe des Touristenzentrums gelegen.
Mythologie: Der Tritt des Gottes
Die Geografie von Aso ist so einzigartig, dass die lokale Legende sie einem göttlichen Akt der Tiefbaukunst zuschreibt.
- Der See: Legenden besagen, dass die Caldera ursprünglich ein riesiger See war, der die Menschen einschloss und sie daran hinderte, Ackerbau zu betreiben.
- Der Gott: Die Gottheit Takeiwatatsu-no-mikoto (Enkel des ersten Kaisers Jimmu) wollte mehr Ackerland schaffen. Er beschloss, den See trockenzulegen.
- Der Tritt: Er versuchte, ein Loch in die Kraterwand zu treten. Idealerweise hätte er die einfachste Stelle getreten, aber er stolperte. Bei seinem zweiten Versuch setzte er sich hin und trat mit aller Kraft gegen die Wand bei Tateno. Die Wand zerbrach, das Wasser stürzte heraus (und schuf den Shirakawa-Fluss), und die fruchtbare Ebene des Calderabodens wurde enthüllt.
- Nekodakes Bestrafung: Warum sieht der Mt. Nekodake so zerklüftet aus? Die Legende besagt, dass Nekodake der jüngste Bruder der fünf Gipfel war und gerne damit prahlte, der Größte zu sein. Die anderen Brüder beschwerten sich beim Gott Takeiwatatsu. Der Gott schlug Nekodake auf den Kopf, um ihn zu demütigen, und zerschmetterte seinen Gipfel in die Sägezahnform, die wir heute sehen.
Die Jahrtausend-Grasländer
Eines der auffälligsten Merkmale von Aso ist nicht die graue Asche, sondern das smaragdgrüne Gras. Die sanften Hügel der Caldera (besonders Kusasenri) sind mit üppigem Grasland bedeckt, das seit über 1.000 Jahren von Menschen gepflegt wird.
- Noyaki (Kontrolliertes Brennen): Jeden Frühling (meist im März) führen Einheimische Noyaki durch. Sie zünden absichtlich die Grasländer an. Diese 1.000 Jahre alte Tradition verhindert, dass der Wald überhandnimmt, tötet schädliche Insekten und produziert frische Asche, die das neue Gras düngt.
- Akaushi-Rindfleisch: Diese Grasländer sind die Weidefläche für das Japanische Braunvieh (Akaushi). Im Gegensatz zum fetten, marmorierten Wagyu (Schwarzes Vieh) sind Akaushi mager und muskulös, weil sie frei an den steilen Vulkanhängen umherstreifen. Das Ergebnis ist ein gesundes, rotes Fleisch, das das charakteristische Gericht der Region ist (
Akaushi-don). - GIAHS-Status: Im Jahr 2013 wurde dieses nachhaltige Landwirtschaftssystem von der FAO als Globally Important Agricultural Heritage System (GIAHS) ausgezeichnet.
Mount Nakadake: Der Blick in den Abgrund
Der Nakadake-Krater ist einer der wenigen aktiven Vulkane der Welt, bei dem man direkt in den Schlot schauen kann… wenn er sich benimmt.
- Der Blaue See: Wenn die Aktivität gering ist, bildet sich am Boden des Kraters (Krater 1) ein atemberaubender dampfender türkisfarbener See. Er ist extrem sauer (pH nahe 0) und heiß (ca. 60°C).
- Das Gas: Der Vulkan stößt ständig große Mengen Schwefeldioxid (SO2) aus. Der Zugang zum Kraterrand wird durch ein strenges Lichtsignalsystem (Blau, Gelb, Rot) geregelt. Wenn die Gaskonzentration ansteigt, heulen Sirenen und das Gebiet wird sofort evakuiert. Asthmatiker dürfen den Rand oft auch an “sicheren” Tagen nicht besuchen.
- Der Sand: Vulkanasche ist eine tägliche Realität. Betonunterstände sind um den Kraterrand verstreut, damit Touristen im Falle eines plötzlichen Ausbruchs Schutz suchen können.
Aso-Schrein und das Erdbeben von 2016
Der Aso-Schrein, der auf dem Calderaboden liegt, ist einer der ältesten in Japan und stammt aus dem Jahr 281 v. Chr. Er ist dem Schöpfergott Takeiwatatsu gewidmet.
- Die Katastrophe: Am 16. April 2016 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,0 Kumamoto. Das heftige Beben führte dazu, dass das prächtige zweistöckige Romon-Tor des Schreins (ein Nationalschatz) und die Haupthalle (Haiden) vollständig einstürzten.
- Die Auferstehung: Der Anblick des eingestürzten Schreins verwüstete die lokale Gemeinschaft. Ein massives Restaurierungsprojekt begann jedoch sofort. Mit traditionellen Zimmermannstechniken setzen Handwerker den Schrein Stück für Stück wie ein riesiges Puzzle wieder zusammen. Die Haiden wurde kürzlich fertiggestellt, und das Romon-Tor steht kurz vor der vollständigen Restaurierung – ein Symbol für Asos Widerstandskraft.
Tourismus: Feuer und Wasser
Aso repräsentiert die Dualität der Natur: das Feuer des Vulkans und das Wasser der Quellen.
- Kusasenri-ga-hama: Ein postkartenreifer Ort. Es ist ein Doppelkrater eines erloschenen Vulkans (Eboshidake), der jetzt mit einer riesigen grünen Wiese und zwei Regenteichen gefüllt ist. Pferde grasen faul vor dem Hintergrund der rauchenden Nakadake-Fahne.
- Shirakawa-Quelle: Erinnern Sie sich an das Wasser, das abfloss, als der Gott gegen die Wand trat? Es fließt unterirdisch und tritt hier wieder zutage. Diese Quelle pumpt 60 Tonnen Wasser pro Minute. Das Wasser ist so rein, dass es in Flaschen abgefüllt und in ganz Japan verkauft wird.
- Die Straße nach Laputa: Die “Straße nach Laputa” (benannt nach dem Ghibli-Film) war ein malerischer Pfad, der in den Wolken am äußeren Rand zu schweben schien. Leider wurde sie durch das Erdbeben von 2016 schwer beschädigt und bleibt geschlossen, eine Erinnerung an die sich verändernde Kraft der Erde.
Die Straße nach Laputa: Eine verlorene Ikone
Eine der berühmtesten modernen Legenden von Aso ist nicht uralt, sondern filmisch. Die “Straße nach Laputa” (offizieller Name: Aso City Road Kario Route) wurde zu einer Internetsensation wegen ihrer Ähnlichkeit mit der schwebenden Insel im Studio Ghibli-Film Das Schloss im Himmel.
- Die Aussicht: Die Straße verläuft entlang des Grats des äußeren Kraterrandes. Wenn das “Wolkenmeer” (unkai) das Tal unten füllt, scheint die Straße im Himmel zu schweben, losgelöst von der Erde.
- Der Schaden: Tragischerweise verursachte das Erdbeben von Kumamoto 2016 massive Erdrutsche, die die Straße an mehreren Stellen durchtrennten. Sie bleibt für den Verkehr gesperrt, eine bröckelnde Ruine, die ironischerweise noch mythischer geworden ist, weil sie jetzt unerreichbar ist.
Uchinomaki Onsen: Die Stadt der heißen Quellen
Innerhalb der Caldera ist Uchinomaki der größte Kurort mit heißen Quellen.
- Literarische Geschichte: Es war ein beliebter Rückzugsort für große japanische Schriftsteller wie Natsume Soseki und Yosano Akiko. Sosekis Roman Der 210. Tag spielt hier und schildert eine Wanderung auf den Berg während eines Sturms.
- Das Wasser: Die Stadt hat über 30 verschiedene Quellen. Es ist einzigartig, weil das Wasser aus geraden, vertikalen Rohren kommt, die in den Boden getrieben statt gepumpt werden.
Der Aso Geopark: Vom Vulkan lernen
Im Jahr 2009 wurde Aso als japanischer Geopark und später als UNESCO Global Geopark zertifiziert. Dieser Status ist nicht nur ein Etikett; es ist eine Verpflichtung zur Bildung.
- Das Aso-Vulkanmuseum: In Kusasenri gelegen, bietet dieses Museum einen Echtzeit-Feed von Kameras, die im aktiven Krater installiert sind. Dies ist der sicherste Weg, die Lava zu “sehen”, wenn der Krater selbst wegen Gases geschlossen ist.
- Geo-Sites: Der Park weist spezifische “Geo-Sites” wie den Komezuka-Kegel (ein perfekter Schlackenkegel, der wie eine umgekehrte Reisschüssel aussieht) und den Tateno Barranco (die Lücke in der Calderawand) aus. Legenden besagen, dass Komezuka oben ein Grübchen hat, weil der Gott Takeiwatatsu eine Handvoll Reis schöpfte, um sie den Armen zu geben.
Die Züge der Caldera: Aso Boy! und der Spitzkehrenbahnhof
Die Zugfahrt in die Caldera ist eine Attraktion für sich.
- Die Spitzkehre (Switchback): Die JR Hohi-Hauptlinie muss einen massiven Höhenunterschied überwinden, um vom äußeren Rand zum Calderaboden zu gelangen. Sie tut dies mit einer dreistufigen Spitzkehre am Bahnhof Tateno. Der Zug fährt buchstäblich im Zickzack den steilen Hang hinauf und hinunter, sodass die Passagiere sehen können, wie der Lokführer die Enden des Zuges wechselt. Es ist eine seltene technische Meisterleistung, die Zugbegeisterte (Densha Otaku) begeistert.
- Aso Boy!: Dies ist einer von Kyushus berühmtesten “D&S” (Design and Story) Zügen. Es ist ein familienorientierter Zug, der sich um eine fiktive Hundefigur namens “Kuro-chan” dreht. Der Zug verfügt über einen “weißen” Wagen mit einem Bällebad für Kinder, speziellen Bento-Boxen und Panoramafenstern, um die rauchenden Krater zu beobachten. Die Fahrt mit diesem Zug über den Calderaboden ist eine surreale Mischung aus wunderlichem Spaß und roher vulkanischer Kraft.
Fazit
Der Mount Aso ist ein Ort, an dem Menschheit und Geologie in einer überraschend harmonischen Umarmung verbunden sind. Seit Jahrtausenden verbrennen die Menschen die Hänge, verehren die wütenden Gipfel und essen die Nahrung, die im Schatten des Vulkans angebaut wird. Es ist eine Landschaft von immensem Ausmaß, in der der Horizont nicht durch den Himmel, sondern durch die Wände eines Kraters definiert wird, der zu groß scheint, um wahr zu sein.