Der Vesuv: Der gefährlichste Vulkan Europas
Der Vesuv (Monte Vesuvio) ist der einzige aktive Vulkan auf dem europäischen Festland. Er ist eine Ikone Italiens und umrahmt die wunderschöne Bucht von Neapel mit seiner unverwechselbaren Doppelhöcker-Silhouette. Doch unter den Weinbergen und den Postkartenmotiven verbirgt sich eine erschreckende Realität: Der Vesuv ist eine tickende Zeitbombe inmitten einer Metropole.
Mit über 3 Millionen Menschen, die in seiner „Einschlagzone“ leben, einschließlich der pulsierenden Stadt Neapel, gilt er weithin als der gefährlichste Vulkan der Welt. Er ist nicht unbedingt der mächtigste, aber nach modernen städtebaulichen Maßstäben sicherlich der am schlechtesten platzierte.
Der Zerstörer der Welten: 79 n. Chr.
Der Ausbruch im Jahr 79 n. Chr. ist der Maßstab für alle vulkanischen Katastrophen. Es ist das Ereignis, das uns das Wort „Vulkan“ gab (abgeleitet von Vulcanus, dem römischen Gott des Feuers) und eine ganze Zivilisation in der Zeit einfror.
Die Plinianische Phase
19 Stunden lang pumpte der Vulkan eine Säule aus Asche, Bimsstein und Gas 30 Kilometer (19 Meilen) in die Stratosphäre.
- Der Fallout: Dieser Schutt fiel auf Pompeji und begrub es mit einer Geschwindigkeit von 15 cm pro Stunde. Dächer stürzten unter dem Gewicht ein. Viele Bewohner flohen in dieser Phase, aber Tausende blieben, in der Hoffnung, der Steinsturm würde vorübergehen.
- Der Zeuge: Plinius der Jüngere, ein römischer Administrator, beobachtete das Ereignis von Misenum aus auf der anderen Seite der Bucht. Seine detaillierten Briefe, in denen er die Wolke wie eine „Schirmpinie“ beschrieb – die hoch aufschießt und sich dann ausbreitet –, führten zum wissenschaftlichen Begriff der „plinianischen Eruption“.
Die Pele-Phase
Schließlich wurde die Säule zu schwer, um sich selbst zu tragen. Sie brach zusammen und schickte pyroklastische Ströme – Orkane aus 400 °C heißem Gas und Gestein – mit über 100 km/h den Berg hinunter.
- Herculaneum: Die ersten Ströme trafen Herculaneum. Im Gegensatz zu Pompeji, das langsam begraben wurde, wurde Herculaneum sofort getroffen. Die Hitze war so intensiv (500 °C), dass die Gehirne der Opfer kochten und ihre Schädel explodierten.
- Das Ende von Pompeji: Die letzten Ströme erreichten Pompeji am nächsten Morgen. Sie töteten alle, die noch in der Stadt waren, sofort und hüllten ihre Körper in Asche ein. Als die Körper verwesten, hinterließen sie hohle Räume. Jahrhunderte später gossen Archäologen Gips in diese Hohlräume und schufen die gespenstischen „Abgüsse“ der Opfer in ihren letzten Momenten.
Die vergessenen Ausbrüche: 1631 und 1944
Der Vesuv schlief nach Pompeji nicht ein. Er ist Dutzende Male ausgebrochen und wechselt zwischen Perioden offener Aktivität (häufige, kleinere Ausbrüche) und geschlossener Inaktivität (Druckaufbau für einen großen Knall).
Der Ausbruch von 1631
Dies war der schlimmste Ausbruch seit 79 n. Chr. und dient als Referenzpunkt für die moderne Risikobewertung.
- Die Warnung: Der Berg warnte wochenlang (Erdbeben, Bodenhebung), wurde aber ignoriert.
- Die Auswirkungen: Er tötete 4.000 Menschen. Im Gegensatz zu 79 n. Chr. war der Hauptkiller nicht Asche, sondern Lahare (Schlammströme) und Lava. Der Ausbruch zerstörte viele der Städte, die auf den Ruinen von Pompeji wiederaufgebaut worden waren. Er markierte den Beginn eines neuen Aktivitätszyklus, der bis 1944 andauerte.
Der Ausbruch von 1944
Mitten im Zweiten Weltkrieg, als die Alliierten in Italien gegen die Deutschen kämpften, brach der Vesuv aus.
- Krieg und Feuer: Er zerstörte die Dörfer San Sebastiano und Massa di Somma.
- Der Flugplatz: Der Ausbruch zerstörte bekanntermaßen 88 B-25-Bomber der 340. Bombardement-Gruppe der USA, die auf dem nahe gelegenen Flugplatz Pompeji stationiert waren. Die Asche beschädigte die Flugzeuge irreparabel.
- Die Aufnahmen: Wochenschauaufnahmen von amerikanischen GIs, die den Lavastrom die Straße hinunterfließen sehen, während sie lässig Zigaretten rauchen und Bulldozer versuchen, die Lava zurückzudrängen, sind surreal. Dies war das letzte Mal, dass der Vesuv ausbrach.
Geologische Struktur: Der Somma-Vesuv-Komplex
Der Vesuv ist kein einfacher Kegel; er ist ein komplexer Vulkan, bekannt als Somma-Vesuv-Komplex.
Monte Somma
Der ältere, höhere Grat, der im Norden zu sehen ist, ist der Monte Somma. Dies ist der Überrest eines uralten, massiven Vulkans, der vor etwa 17.000 Jahren bei einem katastrophalen Ausbruch einstürzte. Er war ursprünglich viel höher als der heutige Gipfel.
Der Gran Cono
Der aktive Kegel des Vesuvs (der „Gran Cono“) ist im Inneren dieser alten Caldera gewachsen.
- Der Becher: Dies schafft ein Tal zwischen der alten Wand und dem neuen Kegel, das Valle del Gigante genannt wird.
- Der Trichter-Effekt: Diese Geologie ist gefährlich. Die hohe Wand des Monte Somma wirkt als Barriere nach Norden und schützt die Städte in dieser Richtung. Nach Süden und Westen (in Richtung Neapel und Meer) ist der „Becher“ jedoch offen. Diese Topographie kanalisiert Lava und pyroklastische Ströme auf natürliche Weise direkt auf die am dichtesten besiedelten Küstenstädte wie Torre del Greco und Herculaneum.
Die Rote Zone: Vorbereitung auf das Schlimmste
Der Katastrophenschutz in Neapel steht vor einem Albtraum-Szenario. Das Gebiet um den Vulkan ist einer der am dichtesten besiedelten Orte Europas.
Die Zonen
Der Notfallplan unterteilt das Gebiet in Zonen basierend auf dem Risiko:
- Rote Zone (Zona Rossa): Dies umfasst 25 Gemeinden (einschließlich eines Teils von Neapel), in denen das Risiko pyroklastischer Ströme hoch ist. Hier leben etwa 600.000 bis 800.000 Menschen. Im Falle eines großen Ausbruchs muss diese Zone vollständig evakuiert werden, bevor der Ausbruch beginnt. Es gibt keine Überlebensstrategie für das Bleiben.
- Gelbe Zone: Gebiete, die durch schweren Ascheregen und Lapilli (Steine) gefährdet sind. Dieser Bereich deckt einen viel größeren Radius ab und umfasst den Rest von Neapel. Dacheinsturz ist hier die Hauptgefahr.
- Blaue Zone: Gebiete, die durch katastrophale Überschwemmungen und Lahare gefährdet sind.
Der Evakuierungsplan
Der Plan ist ein logistischer Titan.
- 72 Stunden: Das Ziel ist es, die Rote Zone innerhalb von 72 Stunden nach Ausrufung der Alarmstufe zu evakuieren.
- Partnerregionen: Jede Stadt in der Roten Zone hat eine „Partnerregion“ in Italien. Zum Beispiel könnten die Bewohner von Pompeji nach Sardinien geschickt werden, während die Bewohner von Torre del Greco in die Lombardei gehen.
- Transport: Der Plan stützt sich auf eine koordinierte Flotte von Bussen, Zügen und Fähren.
Die kritischen Schwachstellen
Kritiker argumentieren, der Plan sei optimistisch.
- Fehlalarme: Vulkane sind unberechenbar. Wenn man 600.000 Menschen evakuiert und nichts passiert, sind die wirtschaftlichen Kosten ruinös, und die Menschen werden der nächsten Warnung nicht glauben.
- Panik: Der Plan geht von einem geordneten Abzug aus. In der Realität könnte Panik die wenigen Fluchtstraßen sofort verstopfen.
- Illegale Bauten: Jahrzehnte des illegalen Bauens (abusivismo) haben ein chaotisches städtisches Wirrwarr mit engen Straßen geschaffen, die schwer zu evakuieren sind.
Die Magmakammer: Was liegt darunter?
Um die Bedrohung zu verstehen, nutzen Wissenschaftler seismische Tomographie (wie ein CT-Scan für die Erde), um in den Berg hineinzusehen.
- Die tiefe Quelle: Es gibt ein riesiges Magmareservoir in 8-10 km Tiefe. Dies ist die Hauptbatterie des Vulkans.
- Die flache Falle: Es gibt eine kleinere Tasche in 3-5 km Tiefe. Dies ist der Bereitstellungsraum.
- Der Pfropfen: Seit 1944 ist der Schlot (der Hals des Vulkans) mit festem Gestein „verstopft“. Das ist der besorgniserregendste Faktor.
- Der Schnellkochtopf: Ein Vulkan mit offenem Schlot (wie Ätna oder Stromboli) lässt ständig Druck ab. Ein verstopfter Vulkan baut Druck auf. Je länger das „Ruheintervall“ (die Zeit zwischen Ausbrüchen), desto explosiver ist der nächste Ausbruch tendenziell. Der Vesuv befindet sich derzeit in seiner längsten Ruhephase seit 1631.
Fazit
Der Vesuv ist ein schönes Monster. Er liefert den einzigartig fruchtbaren Boden für die San-Marzano-Tomaten und den Lacryma Christi („Tränen Christi“) Wein, die die neapolitanische Küche definieren. Er zieht Millionen von Touristen an, die die lokale Wirtschaft antreiben.
Aber die Menschen in Neapel haben eine fatalistische Beziehung zu ihrem Berg. Sie nennen ihn „Il Gigante“. Sie kennen den Deal: Der Berg gibt, und schließlich wird der Berg zurücknehmen. Die Frage ist nicht, ob der Vesuv wieder ausbrechen wird, sondern wann – und ob die Pläne, die wir gemacht haben, ausreichen werden, um die Millionen zu retten, die in seinem Schatten schlafen.